Bennie Lindberg und Thomas Förster im Ziel nach 65 km rudern

49. Sulkavan Suursoudut 2016


Suomi, Finland (auf Deutsch Finnland) – das Land der tausend Seen… kitschiger als so könnte ich sicher nicht diese Blog/Bericht über unsere Ruderabenteuer in Finnland anfangen.

Letztes Jahr haben ja Sergeant und ich das ÖTILLÖ SwimRun Rennen außerhalb von Stockholm in den Schären gemacht. Diese Schären in Ostsee kenne ich gut. Zahlreiche Sommer bin ich hier gesegelt und als schwedischer Finne gibt es für mich kaum ein Kulturunterschied zwischen den schwedischen und finnischen Schären. Nie habe ich es weiter als 1 Kilometer zum Meer gehabt, so lange ich in Finnland gewohnt habe. Das ist meine Kultur, damit bin ich aufgewachsen.

Ich bin aber auch Finne und während traditionell die schwedisch sprechenden Finnen an den Küsten wohnen ist das innere von Finnland, das Seenlandschaft mit tausenden und wieder tausenden Seen, das Herz von Finnland. Hier kann man auch das finden was „Ausländer“ in Finnland suchen: Ruhe, Ruhe, Wälder, Wälder, Wasser und Wasser. Natürlich kann man auch mit viel Glück ein Elch sehen!

Nach Sulkava (so heißt der Ort) kommen wir schon am Donnerstag nach gute 300 km Autofahrt von Helsinki. Einige Personen laufen ruhig entlang die Straßen. Ein paar Leute bauen Verkaufsstände für Freitag auf. Ein paar Boote sind auf den Seen zu sehen und sonst merken wir von den 2.000 Personen die angeblich hier wohnen, gar nichts.

Sergeant schwärmt in höchsten Tönen über die Landschaft, der Luft und die Ruhe. Wir finden ein offenes Lokal wo wir auch etwas zum Essen bekommen und ich unterhalte mich mit die Bedienung: Ob es immer so ruhig hier ist möchte ich wissen, und was die Leute hier so machen. Na ja erzählt sie, es gibt hier in Sulkava zwei Jahreszeiten, ein vor das rudern und ein nach das rudern. Sonst gibt es fast nichts hier außer Wälder und Seen. Genau das wollten wir auch finden, Finnland und sonst nichts, aber lass mich von vorne anfangen…

Ziemlich schnell nach ÖTILLÖ letztes Jahr haben wir gewusst, ein neues Abenteuer für 2016 muss her! Es war immer mein Ziel „irgendwann“ das Ruderrennen in Sulkava zu machen also habe ich es Sergeant vorgeschlagen und als verrückter Hund und ehemaliger Ruderer war er sofort Feuer und Flamme.

Ein Ruderboot habe ich auch schnell über Internet gefunden. In Sulkava werden spezielle Holz-Ruderboote verwendet die eigentlich reine Sportgeräte sind. Lang, schnell und „kippelig“ sind die Dinge. Und die werden nur in Finnland gebaut.

Rudertraining und Vorbereitung

In November habe ich unsere Boot „Berta“ von Finnland hier nach Roth geholt. Wir sind Mitglieder im Ruderverein Nürnberg geworden und mit den ersten wärmeren Sonnenstrahlen in März haben wir mit unsere Training angefangen.

Für das Rennen haben wir uns für die Klasse Paarrudern entschieden, wo zwei Personen hinter ein Andere im Boot sitzt jeder mit zwei Skulls. Weitere Möglichkeiten in Sulkava sind: Einzelrudern (Alleine die ganze Strecke rudern), Wechselrudern (Wo eine rudert und der andere mit ein Paddel mithilft. Wechseln dürfen die beliebig oft, aber die Boote sind sehr kippelig und das erfordert ein sehr gutes Zusammenspiel.) und dann die Kirchenboote (Die Königsklasse mit 14 Ruderer und 1 Steuermann)

Wer sucht der findet und so haben wir unsere Wissen über Rudern dank Internet relativ schnell vermehrfacht. Theresa Nohl von Erlangen hat uns gecoacht und gezeigt wie man den Boot einstellt, uns aufgeklärt wie moderner Rudertechnik jetzt aussieht und uns in das Mysterium von Schlagfrequenz eingeführt.

Ganz unerfahren als Ausdauersportler sind wir nicht und schnell war klar wie wir uns vorbereiten möchten. Die ersten 4-6 Wochen haben wir nur damit verbracht locker und möglichst richtig zu rudern. Erstaunlich war: Der Puls war immer total niedrig, aber fast jedes Training hat uns „zerstört“!

Cool war aber das wir immer schneller und schneller geworden sind und die letzten 2 Monate vorher haben wir versucht zwei Intensivere Einheiten pro Woche zu machen. Beispielsweise 10 x 3´ schnell mit 2´ ruhig und als zweite Einheit 3 x (10 x [40s Vollgas / 20s zügig) mit eine Serien Pause von 10´ locker rudern. Die dritte Einheit war eine lange Einheit von 20 km der wir bis 40 km aufgebaut haben. Ab und zu haben wir auch noch geschafft eine vierte Lockere Einheit einzubauen, sonst haben wir uns einfach nur dazwischen erholen müssen. Dass der Erholungsbedarf so groß war hat mich doch überrascht.

Gut vorbereitet bin ich dann mit Berta auf Autodach hoch nach Finnland gefahren und Sergeant ist kurz nachher mit Flieger nach Helsinki geflogen. Jetzt sitzen wir also in dem einzigen offenen Restaurant in Sulkava und wundern uns wo alle 5000 angemeldete Ruderer sich verstecken.

Reise nach Ruderregatta in Sulkava

Am Freitag ein Tag vor unserem Start kommt dann Sulkava plötzlich im Fahrt. Wir holen unsere Startunterlagen und entschließen Berta zum Start zu bringen und 20 Minuten locker zu rudern.

Mit Auto am Start angekommen sehen wir dass es endlich losgeht. Wir fragen gleich ein Mann mit Warmweste wer hier so der Chef ist und wohin wir unsere Berta hinlegen können. Er schaut uns lachend an und sagt: Hier ist niemand Chef, suche euch einfach ein Platz aus – HERRLICH. In drei Stunden starten knapp 2000 Kirchenbootruderer und das funktioniert einfach ohne Verbote und Bestimmungen, jeder nimmt einfach nur ein bisschen Rücksicht auf den Anderen.

Wir tragen Berta zu einem kleinen Hügel und lassen den Strand für die Kirchenboote frei, so wie es auch alle andere mit Kleinboote machen. Wenn wir die anderen Kleinboote begutachten merken wir dass wir völlig unterausgerüstet sind. Keine elektrische Pumpe, keine Trinkbehälter-Schlauch-System um trinken zu können ohne das wir das rudern unterbrechen müssen und vor Allen wir haben kein Rückspiegel, der allerdings nach vorne zeigt, da wir rückwärts gucken.

Wir haben aber Glück. Bei die einzige Tankstelle in Sulkava werden wir fündig und der Besitzer überreicht ein alte und riesen große LKW-Spiegel. Ich frage sofort was er dafür haben möchte und er Antwortet mit eine Gegenfrage: Glaubst du das die Spiegel ein große Verschleiß bei das Rennen hat? Ich sage nein, und er kontert wieder: Siehst du, bring einfach den Spiegel zurück wenn ihr fertig seid. GEIL! KIITOS (=Danke) Jetzt haben wir sogar ein Sponsor gefunden!

LKV-Spiegel als Navigation für rudern

Mit ein Stück Holz, ein paar Schrauben und viel Klebeband haben wir auch den größten Rückspiegel von alle Teilnehmer, nicht ganz so optimal bei Gegenwind, aber dafür haben wir uns nicht während das Rennen verfahren!

Nach 20 Minuten Vorbelastung steigen wir zufrieden aus den Boot und machen uns bereit den Kirchenboot Start anzuschauen.

Das ist mit Abstand die beeindruckteste Massenstart das ich bis jetzt gesehen haben. Unglaublich muss man einfach sehen. 124 Boote a 15 Personen setzen sich gleichzeitig in Bewegung – es sieht aus wie eine Vikinger Invasion.

Dann gehen wir noch ein bisschen Abendessen einkaufen, wir kochen was zum Essen und ruhen uns aus für die große Herausforderung morgen.

In der Früh läuft alles nach Plan, das Wetter ist etwas trüb aber wir sind froh dass wir endlich loslegen können. Als Proviant hat jeder 6 Flaschen a´ 750 ml mit Sportgetränk, 4 Energierigel und 2 Dosen Red Bull dabei.

Kurz vor Start macht Sergeant auch den Music Box an und aus den Lautsprechern dröhnt die erste AC/DC Lied. Voll mit Adrenalin brechen wir auf, ohne wirklich zu wissen wie wir uns „pacen“ sollen.

Wir sind gut ausgeruht, es läuft, wir sind von den 300 anderen kleinbooten in unsere Start schön abgelenkt und wir haben riesen Spaß, also lassen wir es laufen und die ersten 20 km läuft echt gut. Bald kommen wir zu die erste Stelle wo auch größere Wellen und Wind vorhanden sind, und dann fangen wir an zu bröckeln.

An der Main-Donau-Kanal wo wir vorher trainiert haben kannten wir nur die Wellen von die Frachtschiffe die uns überholt haben, wir konnten also dieses kleine aber wichtige Detail gar nicht üben.

Plötzlich bei den Wind und die Wellen, dreht sich unsere Berta immer wieder aus die Fahrtrichtung. Ich schreie Sergeant an: Zieh mehr mit Links nicht so viel mit Rechts, gleich danach schreit er das gleiche zu mir. Bald merken wir dass wir fast nur mit dem linken Skull rudern müssen. Unser etwas überdimensionierter Rückspiegel mit den Wellen, hat einfach so viel an den Heck gedrückt das die Bootsspitze immer in der Gegenrichtung abgewandert ist. Etwa 10 Kilometer kämpfen wir so mit den Wellen und verlieren reichlich mit Zeit. Wir wissen auch nicht ob wir ruhig rudern sollen ob wir den Frequenz erhöhen sollen, mit den Skulls schlagen wir immer mehr und mehr Wasser ins Boot bis wir bald das Wasser ausschöpfen müssen. Jetzt nach 3 Std. Ruderzeit merkt man so langsam die Belastung, während Sergeant Wasser schöpft trinke ich schnell die erste Red Bull Dose und weiter geht es.

Wir drehen den Lautsprecher auf, und die nächsten 15 km sind wieder richtig gut bis es wieder zäh wird aber dann sind wir fast schon im Ziel und können die letzten Reserven verbraten. GESCHAFFT

Fazit: Es war hart aber anders „hart“ als in z.B. Triathlon. Nach 3-4 Monate Rudertraining haben wir noch nicht genug Muskeln aufbauen können oder eher ansteuern können, um mit unserem kompletten Ausdauerpotential durchpowern zu können. Dementsprechend bleib der Puls relativ niedrig, aber die muskuläre Belastung war hoch und speziell die Handgelenke haben etwas leiden müssen. Weiterhin haben wir das rudern in den Rückenmuskulatur gespürt, aber auch der Hintern hat zwei Tage etwas wehgetan, aber das einfach nur von Sitzdruck, nicht wegen muskuläre Anstrengung.

Sulkavan Suursoudut ist ein Ausdauerwettkampf das ich jeder Ausdauerathlet empfehlen kann, auch wenn es etwas komplizierter ist mit Bootanschaffung, Training etc. ABER wenn genug Athleten Interesse haben, vielleicht geht da was zusammen und wir starten demnächst mit ein Kirchenboot! Jetzt kenne ich mich ja aus und kann Bootsbeschaffung und „Skipper“ machen!

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Sulkavan suuroudut bennie Lindberg ja Thomas Förster