Triathlon Trainer und Coach - Bennie Lindberg

4. Bennie Lindberg trifft Matti Heikkilä

Text: Bennie Lindberg - Trainer, Coaching, Nordic Walking, Fitness, Triathlon, Extremsport

Ich kenne Matti Heikkilä seit Anfang der 90er Jahre als ich noch Profi-Triathlet war. Matti leitete damals die Abteilung Leistungsdiagnostik im finnischen Sportinstitut Vierumäki. Ende 1996 traf ich ihn dort während meiner Trainerausbildung wieder. Ich erinnere mich noch genau an unsere spätere Begegnung in einem der Wintermonate, denn er kam gerade mit einer seltsamen Gruppe Wintersportler zurück, die zwar mit Stöcken ausgerüstet war, aber keine Ski dabei hatten. Neugierig erkundigte ich mich nach den Gründen dieser Art von Fortbewegung, und erfuhr, dass Heikkiläs „Freaks“ beim Gehen mit den Stöcken hervorragende Resultate erzielt hatten, und es ihnen großen Spaß machte

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Bennie Lindberg: In Finnland giltst du zusammen mit Tuomo Jantunen als Erfinder des Nordic Walkings. Erinnerst du dich, wie Nordic Walking entstanden ist?

Matti Heikkilä: Anfang der 90er Jahre war ich unter anderem Fitnessberater für Mitarbeiter großer Firmen. Diese bis zu sieben Tage dauernden Seminare hatten das Ziel, ganz normale Menschen leistungsfähiger zu machen. Das gewöhnliche Gehen bietet dem Körper als Trainingsform zu wenig Widerstand, Joggen ist für viele Menschen zu anstrengend, und so habe ich nach einer Alternative zu beiden Bewegungsformen gesucht. Ich fand sie 1991, als ich, in Gedanken versunken, aus meinem Bürofenster blickte, und eine Gruppe Langläufer mit ihren Skistöcken gerade vom Sommertraining zurückkam. Gehen mit Stöcken -- das ist es, dachte ich, und rief sofort den Skistockhersteller Excel an, um eine Packung kleiner Skistöcke zu bestellen. Die glaubten zunächst, ich wolle eine Kinder-Skischule eröffnen. Wie konnten sie auch ahnen, dass ich die Stöcke für mein Fitnesstraining verwenden wollte? Jedenfalls waren alle Versuchskaninchen begeistert, und ihre Kondition verbesserte sich auffallend schnell.

Hier mit der Gruppe ist es okay, mit den Stöcken zu laufen, doch zuhause, da würden alle nur lachen, zogen damals alle Bilanz. So haben wir mit dem Stockgehen also in einem ganz kleinen Kreis angefangen, und 1996/1997 sind dann Suomen Latu („die finnische Loipe“, eine finnische Organisation für Fitness und Bewegung) und der finnische Stockhersteller Excel dazugekommen. Durch gemeinsame Interessen, eine große Nachfrage und gute Vermarktung, ist dann die Massenbewegung Sauvakävely (finnisch „Stockgang“) entstanden. Der Name Nordic Walking entstand erst später, er hört sich ja auch moderner und überhaupt wesentlich schwungvoller an als „Stockgang“

BL: Und wer hat nun das Nordic Walking erfunden?

MH: Ich finde diese ganze Diskussion – wer eigentlich was erfunden hat -- lächerlich. Wir möchten möglichst viele Menschen in Bewegung bringen -- das ist das Ziel und keine persönliche Profilierung. Das Erbgut, also die DNA von Nordic Walking, könnte man so beschreiben: Das D, das bin ich, das N ist Tuomo Jantunen, und das A ist die Firma Excel. Danach ist der Sport gewachsen, hat Knochen, Muskeln und Blut bekommen, und ich bin froh und dankbar über jeden, der unsere Botschaft verstanden hat und weiterträgt.

BL: Wie siehst du das Entwicklungspotential und die Zukunft von Nordic Walking?

MH: Ich muss zugeben, dass ich in letzter Zeit etwas beunruhigt bin. Beim Nordic Walking steht Gesundheit und Sicherheit im Vordergrund. Das ganz normale Nordic Walking – damit meine ich den Diagonalgang -- sollte die Hauptspeise sein. Das andere – spezielle Gangarten, Techniken, Sprünge und abgeleitete Sportarten – sind nur die Gewürze. Ich habe ein wenig Angst, dass mehr und mehr versucht wird, aus einer ganz natürlichen, einfachen Bewegungsform etwas Kompliziertes zu machen.

BL: Für wen eignet sich Nordic Walking besonders, und wer profitiert weniger von dieser Trainingsform?

MH: Nordic Walking eignet sich für jeden. Das ist ja das Schöne daran. Ältere und weniger leistungsfähige Menschen gehen etwas ruhiger und verhaltener. Jüngere, energiegeladene, sind flotter unterwegs und trainieren effektiver.

BL: Sollten Anfänger unbedingt einen Nordic Walking-Kurs belegen?

MH: Einen Nordic Walking-Kurs bei einen kompetenten Trainer kann ich immer empfehlen! Nicht etwa, weil die Technik so schwer zu erlernen ist, sondern weil ein guter Trainer zeigen kann, welche Technik am effektivsten ist. Wir haben herausgefunden, dass ein Nordic Walker, der ohne Anleitung geht, etwa 300 kcal pro Stunde verbrennt. Wenn sich die gleiche Person aber eine Stunde mit einer effektiven Technik bewegt, verbrennt sie fast 600 kcal pro Stunde. Eine gute Technik macht also schon einiges aus.

BL: Kannst du uns noch ein paar Tipps zur Ausrüstung geben?

MH: Für Nordic Walking braucht man natürlich gute Nordic Walking-Stöcke, aber ich bin der Meinung, dass sich auch die Investition in spezielle Walkingschuhe lohnt. Diese Schuhe sind so gebaut, dass sie bessere Abrolleigenschaften haben, und sie sind formstabiler und haben bessere Führungseigenschaften als normale Laufschuhe. Für alle, die ab und zu joggen gehen, sind auch Laufschuhe ein guter Kompromiss.

BL: Wenn du nur zehn Minuten Zeit hättest, einem Anfänger die Grundlagen des Nordic Walking beizubringen, worauf würdest du dich konzentrieren?

MH: Als Cheftrainer des Internationalen Nordic Walking Verbandes (INWA) habe ich viel Erfahrung gesammelt: Als erstes würde ich mich auf den richtigen Rhythmus konzentrieren. Das kann zum Beispiel ein schöner ruhiger Diagonalrhythmus im Takt 101 – 102 – 103 sein. Dabei denke ich diese Zahlen „laut“ und treffe immer bei 1--2--3 mit dem Fuß beziehungsweise Stock den Boden. Ein guter Rhythmus ist das A und O, um Nordic Walking effektiv ausüben zu können! Zweitens würde ich auf eine korrekte Körper- und Stockposition achten. Nur so kann die erzeugte Kraft respektive Energie auch in Bewegung umgesetzt werden.

BL: Kann Nordic Walking auch in anderen Ländern so populär wie in Skandinavien und beispielsweise in Deutschland werden?

MH: Wir müssen die kulturellen Unterschiede in Betracht ziehen. In Ländern oder Regionen, wo Langlaufen populär ist, sind die Chancen sicher am größten. Überall kommt es natürlich in erster Linie darauf an, den Menschen regelmäßig möglichst viele Möglichkeiten zu bieten, Nordic Walking einfach einmal auszuprobieren. Ich war kürzlich in New York und bin durch den Central Park gewalkt. Erst staunten die Leute nur, dann haben sie mich angesprochen und ich bot ihnen an, mit meinen Stöcken zu laufen. Sie waren sofort begeistert und fragten, wo sie diese tollen Stöcke kaufen können.