Triathlon Trainer und Coach - Bennie Lindberg
Ein paar Gedanken über Doping, Wertvorstellungen und Fairness

Ein paar Gedanken über Doping, Wertvorstellungen und Fairness

Hinter die Begriffe Wertvorstellung und Fairness  verbergen sich keine gesetzlich geregelten Eigenschaften. Sie sind auch nicht absolut, sondern ändern sich mit der Zeit.

 

Verhaltensweisen und Umgangsformen zum Beispiel, die vor 100 Jahren als normal galten und alltäglich waren, sind heutzutage undenkbar.

Aber wir brauchen gar nicht so lange in der Zeitachse zurückzugehen. In den Sechziger- und Siebzigerjahren veränderten Flower Power und die sexuelle Revolution unsere Denkweise über den Umgang mit dem anderen Geschlecht in ihren Grundsätzen. Aber trotz dieser Entwicklungen ist es keine Seltenheit, dass nicht nur fremde Kulturen, sondern auch die eigenen Mitmenschen das individuelle Wertegefühlt als „nicht haltbar“ beurteilen.

Als ich vor ein paar Wochen einige „halbwüchsige“ Mädels, die sicherlich nicht älter als fünfzehn Jahre alt waren, joggend überholte, hörte ich eine aus Gruppe mir hinterherrufen. „Hey schau mal, was für ein geiler Arsch!“ Obwohl gerade wir Triathleten ja ziemlich körperbewusst sind und ich im ersten Augenblick über diese Anmerkung grinsen musste, war ich gleichzeitig auch ziemlich geschockt. Nie und nimmer hätte ich es mir vor 20 oder 30 Jahren auch nur im Entferntesten getraut, gegenüber einem Erwachsenen einen ähnlichen Kommentar abzuliefern! Jetzt möchte ich nicht den Moralapostel spielen und behaupten, dass früher alles besser war. Bestimmt nicht, es war einfach nur anders!

Filmbranche

Ein Beispiel aus der Filmbranche mag dieses verdeutlichen. Wenn Sie sich einen alten Westernfilm anschauen, kommt es regelmäßig vor dem Saloon zu Schlägereien. Es fliegen die Fetzen und die Fäuste wirbeln so lange durch die Luft, bis die Gegner k.o. am Boden liegen. Und genau in diesem Moment ist sofort Schluss. Entweder erscheint der Sheriff, der die Bösewichter ins Kittchen sperrt oder aber der Sieger streckt dem Besiegten die Hand aus, zieht ihn hoch, steckt dessen Kopf kurz in die Pferdetränke und anschließend trinken beide an der Bar gemeinsam einen Whisky.

Und heute? Selbst wenn jemand am Boden liegt und sich vor Schmerzen krümmt, wird auf das Opfer noch so lange eingetreten, um auch ja sicherzustellen, dass er einem nicht mehr schaden kann. Die in diesen Beispielen vermittelte und auch auf den Sport übertragbare Moral ist nicht unwichtig. „Fair Play“ und „Mag der bessere gewinnen“ scheinen demnach nicht immer ausschlaggebend zu sein.

Häufig habe ich in den letzten Jahren hinter vorgehaltener Hand gehört, dass doch überall in der Gesellschaft gelogen, betrogen und getrickst wird, was das Zeug hält. Man wäre ja eigentlich blöd, es nicht zu tun. Man dürfe sich halt nicht erwischen lassen. So wie damals in der Schule beim Mogeln in der Englischarbeit.

Fair Play

Einige Sportler scheinen während des Check ins ihr Wertegefühl mit dem Betreten der Wechselzone am Eingang abgegeben zu haben. Schnell dem Gegner in der Altersklasse noch etwas Bittersalz in die offene Trinkflasche am Aerolenker, ein paar Steine in die Rad- und Laufschuhe und wenn es niemand sieht, ist das Ventil schnell geöffnet. Im Wasser geht es munter weiter. Kaum ertönt das Startsignal, prügeln alle wie wild aufeinander los. Es wird getreten, gezogen, untergetaucht und zurückgeschlagen, was das Adrenalin hergibt. Besonders gute Taucher verkürzen an der Wendepunktstrecke die ungeliebte Disziplin um einige hundert Meter und prahlen im Ziel mit der neuen Bestzeit im kühlen Nass. Aber auch auf dem Rad gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich regelwidrig zu verhalten. Während das eigene Vorderrad immer am Hinterrad eines anderen Athleten klebt, sind die Ohren gespitzt, um das Motorrad des Kampfrichters auch in jeder Situation wahrzunehmen. Ein kleiner Spiegel am Lenker beziehungsweise Helm leistet einem hierbei zusätzliche Dienste. Gute Ortskenntnisse und Kontakte ins Organisationskomitee verhelfen zu „klugen Abkürzungen“, ohne auch nur eine einzige Zeitmatte auszulassen.

Letzteres setzt sich dann auf der Laufstrecke fort. Im Ziel und an den Tagen danach heimst der unfaire Athlet dann auch noch die Früchte für seine Taten. Auch wenn es an dieser Stelle interessant wäre, einen Ausflug in die jeweiligen Sportordnungen zu machen, möchte ich darauf verzichten und mich nach diesen von vielen als Kavaliersdelikte abgetanen Verstößen ganz langsam an das Thema Doping heranwagen, um es einmal ganz mutig von einer anderen Seite zu betrachten.

Doping

Als ehemaliger Profitriathlet hat es mich immer ungemein gestört, dass nicht nur der normale Mensch auf der Straße, sondern auch viele Hobbyathleten einfach pauschal behauptet haben, eine Langdistanz unter 9:00, 8:30 oder 8:00 Stunden zu absolvieren, sei ohne Doping nicht möglich. Diese Aussage möchte ich ein wenig genauer unter die Lupe nehmen. Ich habe die große Sorge, dass aufgrund der in den vergangenen Jahren sehr hohen Medienresonanz bezüglich Dopings insbesondere die mit wenig Selbstbewusstsein ausgestatteten (jungen) Athleten anfangen zu denken, dass Topleistungen nur mit Doping möglich sind. Wenn sich hier die Grundwerte des ehrlichen Miteinanders verschieben, stehen wir in der Zukunft vor enormen Herausforderungen im Altersklassen und Leistungssport.

Triathlon ist nichts für Weicheier, das wissen alle, die diesen wundervollen Sport regelmäßig ausüben. Um sich weiterzuentwickeln, gehen die Athleten ständig an ihre Grenzen. Und das nicht nur in einer, sondern in drei Disziplinen. In diesem Zusammenhang darf nicht vergessen werden, dass neben einem systematischen Training auch eine perfekte Regeneration zu besseren Leistungen führt.

Wesentlich dabei ist allerdings, dass mangelndes Talent nicht durch ein noch so intensives Training ersetzbar ist. Es gibt viele Läufer, die es aufgrund ihrer Physis niemals schaffen werden, einen „reinen Marathon“ unter 3:00 Stunden zu laufen, ganz egal wie hart oder wie viel sie auch trainieren werden.

Auf der anderen Seite gibt es Gleichaltrige, die über einen Zeitraum von zwei bis drei Monaten dreimal in der Woche „joggen“ gehen und ihren ersten Marathon deutlich unter 3:00 Stunden finishen.

Aber was hat das alles mit Doping zu tun? Im Grunde genommen sind wir doch alle „nur“ Menschen. Egal ob im Sport oder im Berufsleben, niemand sieht es gerne, wenn er eines Morgens in den Spiegel schaut und feststellen muss, dass er einfach nicht genug Talent, Potenzial, Durchsetzungsvermögen oder Intelligenz hat, um ganz nach oben zu kommen. Und gerade im Sport helfen einem untalentierten Athleten keinerlei Beziehungen zu einflussreichen Personen oder Entscheidern, wie es in der Wirtschaft, Politik und Vereinswesen häufig an der Tagesordnung ist. Denn am Ende eines sportlichen Wettbewerbs sagen die erreichten Punkte oder die benötigte Zeit alles über die persönliche Leistung aus.

Manch einer, der trotz hartem und ehrgeizigem Training sein fehlendes Potenzial nicht zugeben mag, unterstellt den richtig Schnellen sehr leicht den Betrug durch Doping. Schuld haben bekanntlich die anderen. Auf dem ersten Blick scheint dies für die Untalentierten eine „sympathische“ Art zu sein, sich in den Vordergrund zu stellen. Manch einer lässt sich sogar zu folgender Aussage hinreißen: „Ich wäre doch genauso schnell oder sogar noch schneller, wenn ich auch dopen würde!“

Das Netz wird enger

Diejenigen, die glauben, dass man sich über einen befreundeten und vertrauenswürdigen Arzt, bei dubiosen Anbietern im Ausland oder im Internet verbotene Schnellmacher bestellt und sich verabreicht, werden in Deutschland mit großer Wahrscheinlichkeit bei der nächsten unangemeldeten Dopingprobe überführt. In diesem Fall trifft die Aussage „erwischt werden nur die Dummen“ voll und ganz zu.

Die Enthüllungen über die bekanntgewordenen großen Dopingvergehen der vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass es einiger Grundregeln bedarf, um (zumindest eine Zeitlang) unentdeckt erfolgreich dopen zu können.

Der dopingwillige Athlet benötigt nicht nur eine funktionierende und verschwiegene Organisation, die ohne wenn und aber hinter ihm steht, sämtliche Fäden in den Händen hält und zu keinem Zeitpunkt den Überblick verliert.

Er benötigt neben vertrauenswürdigen Kontakten zu Ärzten, Pharmaunternehmen, Verbänden, Anti-Doping-Agenturen und Wissenschaftlern auch unzählige Informationen rund um die Anti-Doping- und Präventivprogramme sowie die durchgeführten Tests.

Auch das Wissen um „Gegen- und Vertuschungsmittel“, Nebenwirkungen und Nachweisbarkeit der verabreichten Mittel darf nicht unterschätzt werden, ganz zu schweigen davon, wo die benötigten Substanzen, ohne irgendeine Fährte zu hinterlassen, bezogen werden können.

Und natürlich kostet all dies Geld, viel Geld. Ein genauerer Blick in die Jahresberichte der Nationalen Anti Doping Agentur in Deutschland zeigt auf, dass die jährlich durchgeführten unangekündigten Kontrollen in den vergangenen vier Jahren erheblich erweitert wurden. Nicht nur Urin, sondern in aller Regel auch Blut wird den im Testpool geführten Athleten nicht nur im Training, sondern auch nach vielen Wettkämpfen abgezapft.

Auch wenn die professionellen Doper, ähnlich wie die Virusentwickler in der IT-Branche, den Fahndern sicherlich immer einen Schritt voraus sein werden, wird das Netz zum Durchschlüpfen doch immer enger gezogen. Anti-Doping-Bestrebungen wie die Eiserne Transparenz tragen erheblich dazu bei, dass auch die auf der Langdistanz startenden Triathleten vermehrt vom Doping-Kontrolleur Besuch bekommen. Manch einer der bei den Ironman-Veranstaltungen in Deutschland startenden Athleten spricht in diesem Zusammenhang sogar von einem Gütesiegel, das auch beim Abschluss von Sponsorenverträgen als vorteilhaft angesehen wird.

Hinzu kommen die Anti-Doping-Aktivitäten professionell aufgestellter Triathlon-Teams wie die des Commerzbank Triathlon Teams oder des Team Abu Dhabi Triathlon. Und trotzdem werden enorme Leistungssprünge von bis dato unbekannten Sportlern nicht nur von den Medien mit einem schalen Beigeschmack kommentiert.

Ein kurzer Blick in die Entwicklungsgeschichte des Athleten zeigt hingegen häufig auf, dass dieser Sprung unter Umständen gar nicht so ungewöhnlich ist, hatte der Triathlet bereits in seiner Jugend im Schwimmen, beim Laufen im Juniorenalter oder im Triathlon auf der Olympischen Distanz bereits für (inter)national beachtenswerte Ergebnisse gesorgt.

All dieses sind Zeichen für Talent, verbunden mit konsequentem, zielgerichtetem und langjährigem Training. Besorgniserregend viel schlimmer dagegen finde ich Berichte über unter Dauerbeschuss stehende Besserverdiener, bei denen die Einnahme von Tranquilizern, Aufputschmitteln und Wachmachern bereits zum guten Ton im Berufsalltag gehört. Manch einer von ihnen lebt auf der Überholspur und verkehrt in den Kreisen, in denen für Loser kein Platz ist. Ein vermeintlich schlechtes Abschneiden im Sport, die nicht erreichte Hawaii-Quali oder eine Podiumsplatzierung bei einem wichtigen Wettkampf wäre gleichzusetzen mit einem gesellschaftlichen Abstieg.

Es ist zu befürchten, dass die Hemmschwelle, unerlaubte Substanzen zu sich zu nehmen, nicht nur aufgrund der äußerst selten durchgeführten Tests im Amateurbereich als sehr gering einzuschätzen ist.

Auch verfügen viele dieser Menschen über den erforderlichen finanziellen Spielraum.

Schlussfolgerung Doping ist und bleibt ganz ohne Zweifel eine Sache für Loser, die mehr sein möchten als sie tatsächlich sind, aber einfach nicht den Mut aufbringen, dieser Tatsache selbstbewusst in die Augen zu schauen.

Die sportlichen Höchstleistungen im Triathlon sind durchaus ohne Doping machbar. All jene, die dies bezweifeln, sollten einmal einen Profi ein Jahr lang „Tag und Nacht“ wie einen Schatten verfolgen.

Spätestens dann werden sie auch verstehen, wie diese Leistungen und Erfolge entstehen. Sie werden dabei feststellen, mit welcher Zielstrebigkeit, Konsequenz, Kompromisslosigkeit und Leidenschaft ein talentierter Profi nicht nur sein Training absolviert, sondern auch sein Leben organisiert und dabei so manche Entbehrung auf sich nimmt.

Ganz legal und gänzlich OHNE Doping!

PS. Diese Artikkel habe ich 2010 für Tritime geschrieben, einige Namen sind also schon etwas alt aber ich würde heute alles so wieder schreiben!