Triathlon Trainer und Coach - Bennie Lindberg
Wettkampfbericht WM 70.3 von Oliver Brehm

Wettkampfbericht WM 70.3 von Oliver Brehm

Es erscheint nachvollziehbar Hobby-Sportler einer eigenen, meist leicht sonderbaren, Kategorie Mensch zuzuordnen. Vor allem die ambitionierten Hobby-Sportler unter uns, die sich trotz vorgeschrittenem Alters und erster Anzeichen von rückläufiger körperlicher Leistungsfähigkeit nicht beirren lassen an Wettkämpfen teilzunehmen und daraus resultierende WM-Qualifikationen in der Altersklasse als Auszeichnung und nicht Mitleid empfinden. Ein Geschäftsmodell des Veranstalters könnte man als rational denkender Mensch dahinter vermuten, nicht jedoch der Ironman-Triathlet. Der legt gesteigerten Ehrgeiz an den Tag und trainiert dann nach einem konkreten Plan von seinem persönlichen Coach auf Basis seiner Leistungsdiagnostik (Laktat- und Spiroergometie-Messung sind dabei obligat) und ordnet sein Leben strengen Regeln der Trainings- und Sportwissenschaft sowie einer verordneten Diät unter - die letzten 5 % der Leistungsfähigkeit holt man schließlich mit der Ernährung und dem Schlaf raus, sagt mein Coach Bennie.

Nun, soweit bin ich mittlerweile auch. Was als Spaß und dem Wunsch nach Erhalt der körperlichen Fitness begann, ist ausgeartet in ein konstantes Trainingsprogramm mit verschiedenen Phasen der Be- und Entlastung vor und nach ‚wichtigen‘ Wettkämpfen und gipfelte nun in einer WM-Qualifikation im Halb-Ironman Triathlon - in Veranstaltersprache: Ironman 70.3 World Championship am 1. und 2. September 2018 in Port Elizabeth, Südafrika. Das hört sich nicht nur ungemein wichtig an, sondern gibt den Teilnehmern das Gefühl, Teil von etwas ganz Besonderem zu sein. Selbst mir als durchaus selbstreflektiertem, kritischen Zeitgenossen unter den Hobby-Triathleten. Es fühlt und hört sich irgendwie cool an, bei einer WM teilzunehmen, obwohl die Weltspitze und mich derzeit knapp eineinhalb Stunden trennen. Ich darf in meiner Altersklasse M40-44 teilnehmen, was irgendwie schon einwenig absurd ist, wenn man den Unterschied zwischen den Profis und mir näher betrachtet. Aber ich muss mich ja schließlich nicht mit den Profis messen, sondern mit meinesgleichen und hätte theoretisch die Chance in meiner Altersklasse auch einen Weltmeistertitel zu bekommen. Die Altersklasse-Athleten sind also motivierte, aber anderweitig hauptberuflich beschäftigte Menschen (wobei einige nahezu auf Profiniveau trainieren und nur noch nebenbei einer regelmäßigen Beschäftigung nachgehen, aber auch fast so schnell sind wie die Profisportler), die Sport nur aus gesundheitlichen, geselligen und anderen seltsamen Gründen machen - ich rede mir mittlerweile ein, dass eine Trainingseinheit mit Bennie auch schon was Geselliges hat und verbuche das als Freizeitvergnügen.

Dafür lässt man dann sogar mal Freunde hängen. Und das ist eigentlich echt doof. Aber wer weiß, ob man sich jemals wieder für eine WM qualifiziert?! Also habe ich den Slot nach meinem erfolgreichen Abschluss des Halb-Ironman (1,9 km Schwimmen, 90 km Radfahren und 21,1 km Laufen) in Lahti, Finnland angenommen. Südafrika hört sich auch viel wärmer als Finnland an, wo ich ja fast erfroren wäre. Es war mein erster Ironman 70.3 und meine vierte Triathlon-Teilnahme überhaupt. Und ich konnte nicht anders. So habe ich flugs meinen lange geplanten Start beim ‚Berlinman‘ mit meinem Freund Stefan abgesagt. Rein prophylaktisch habe ich ihn bei einer gemeinsamen Radtrainingseinheit schon mal vorgewarnt, dass ich eventuell im Falle des Erreichens der Qualifikationszeit, also rein hypothetisch und gegebenenfalls, nicht in Berlin starten würde und mir seine Absolution vorher eingeholt. Dabei hatten wir uns schon fast ein Jahr vorher angemeldet und uns gegenseitig zum Training motiviert. Aber wie gesagt, diese ‚WM-Quali Droge‘ hat auch bei mir gewirkt. Jetzt musste alles umorganisiert werden, Flüge und Unterkunft gebucht werden und die Reise zur WM in den schon recht engen Terminkalender eingebaut werden. Zum Glück hatte ich in weiser Voraussicht auch für den ‚Berlinman‘ schon die Anreise am Freitag und Abreise erst am Montag geplant.  Da eine Reise nach Afrika dann doch ein bisschen aufwändiger ist, hat mein Sekretariat noch den Donnerstag freigeschaufelt und für Mittwoch einen Nachtflug gebucht. Möglichst minimaler Arbeitszeitverlust und maximaler Event-Output. So stellt sich der moderne Sportler und hauptamtliche Geschäftsführer das vor. Und mein Sekretariat, das sei an dieser Stelle erwähnt, ist in solchen Dingen unschlagbar. Es wollen außer mir noch rund viereinhalb tausend andere Athleten zu dem Event - und jeder bringt laut Veranstalter noch mindestens 2-3 Begleitpersonen mit. So auch wir, mein Titan-Runners Sportsfreund Alex, der sich mit mir in Finnland qualifiziert hat, bringt seine Frau mit. Ein weiterer Trainingsfreund seinen Sohn und wir drei gemeinsam konnten noch unseren Freund und Coach Swen Sundberg und Jürgen (Support-Profi, Triathlet und Triathlon-Wettkampfrichter) begeistern uns zu begleiten. Bodo Dresel, unser aller Fahrradmechaniker, konnte leider so kurzfristig nicht mit. Wir reisen alle am Donnerstag, 30. August an und treffen uns am Flughafen in Johannesburg wo wir weiter fliegen nach Port Elizabeth. Zwei Kleinbusse haben wir auch reserviert und ein sympathisches Bed & Breakfast im Kolonialstil nur 5 km vom Wettkampfbereich entfernt gebucht. Somit sind wir vor Ort flexibel genug und haben Platz für die ganze Ausrüstung (Fahrräder, Neopren-Anzug, Reisegepäck, etc.). Ökologisch und ökonomisch betrachtet ist es natürlich völlig verrückt für einen Wettkampf der ungefähr 5 Stunden dauern wird, 5 Tage lang weg zu sein und fast 10.000 km einfach um die halbe Welt zu reisen. Aber es ist ja schließlich eine Weltmeisterschaft. Da nimmt man teil, wenn man sich qualifiziert hat. Genauso wie man zu einer Hochzeit geht, wenn man eingeladen wird.

Die Wettkampfwoche:

Montag: Meine letzte Laufeinheit ist früh mit meinen Azubis, die mich über die letzten Wochen seit der Qualifikation am 30. Juni fit gemacht haben. Das erzähle ich Ihnen, damit sie möglichst motiviert mit Laufen und Kniebeugen etc. machen. Vormittags bringe ich meine Zeitfahrmaschine, ein aerodynamisch optimiertes Triathlon-Fahrrad zur abschließenden Überprüfung ins Fahrradgeschäft nebenan und widme mich meinen beruflichen Aufgaben. Abends mache ich noch ein kurze Einheit Stabilitäts- und Krafttraining mit Swen.

Dienstag: Ganz normaler Arbeitstag, kurz vor Geschäftsschluss noch die Zeitfahrmaschine abholen und anschließend noch eine Dreiviertelstunde locker Radfahren mit meiner Frau. Ein letzter geschäftlicher Termin bis 20:00 Uhr und dann beginne ich zu packen - Rad zerlegen und hoffen, dass ich bei der Vielzahl an benötigen Equipment nichts vergesse. Als Triathlon-Anfänger habe ich immer das Gefühl irgendwas zu vergessen.

Mittwoch: Ganz normaler Arbeitstag, der schon etwas früher beendet wird, damit mich meine Frau rechtzeitig zum Flughafen fahren kann. Gepäck abgeben und dann der erste Schock, mein Fahrradkoffer ist zu schwer. Maximal 32 kg sind erlaubt - ich habe 33,8 kg eingepackt. Also packe ich am Flughafen beim Check-in Schalter meinen Helm, Ersatzteile und Werkzeug aus und alles ins Handgepäck. 32,4 kg nehmen sie zum Glück mit. Die erste Aufregung ist überstanden und ich treffe mich mit Swen beim Gate auf ein Alkoholfreies Bier (vor dem Wettkampf trinke ich wochenlang keinen Alkohol um die Regeneration nicht zu blockieren, also ich versuche es zumindest ...). Unser Flug nach Frankfurt hat Verspätung, da aufgrund eines schweren Gewitters in Frankfurt die Maschine erst eine halbe Stunde später starten konnte. Wir haben zum Glück einen ziemlich großen Puffer für den Weiterflug nach Johannesburg. Am Frankfurter Flughafen treffen wir Jan Frodeno, den deutschen Superstar der Triathlon-Szene (mehrfacher Weltmeister, Olympiasieger und Weltrekordhalter auf der Langdistanz). Natürlich lassen wir uns ein Autogramm geben - Alex hat ganz zufällig sein aktuelles Buch dabei und lässt sich eine Widmung reinschreiben. Ich habe das gleiche Buch am Tag vorher gekauft, allerdings als E-Book und lasse mir deshalb kurzer Hand den E-Book Reader signieren. Er ist unglaublich sympathisch und sehr authentisch. Ab jetzt kann der Wettkampf quasi nur noch gut werden.

Donnerstag: Ankunft am Flughafen in Johannesburg. Dort müssen wir unser Gepäck in Empfang nehmen und durch den Zoll um danach direkt wieder für den Inlandsflug einzuchecken. Auf die Radkoffer warten wir eine gefühlte Ewigkeit und hatten schon die Befürchtung, sie sind verschollen. Dem ist zum Glück nicht so, durch den großen Andrang an Triathleten sind sie jedoch offensichtlich beim Sperrgepäck mehr gefordert als gewöhnlich. Der geplante Check-in im Erdgeschoss klappt leider nicht - das Förderband ist defekt und wir müssen in den ersten Stock. Dummerweise passen die Radkoffer nicht in den Aufzug und wir müssen die Rolltreppe nehmen. Freundliche Kofferträger helfen uns und mangels Südafrikanischer Rand gebe ich 20€ Trinkgeld (war der kleinste verfügbare Geldschein), was vermutlich reicht um die Familie eine Woche zu ernähren. Dort ist das Förderband auch kaputt und der Radkoffer muss wieder runtergebracht werden. Dazu brauchen sie uns nicht mehr und übergeben unsere Räder an jemanden mit Warnweste, was irgendwie offiziell aussieht. Wenn das mal nicht schiefgeht. Anschießend treffen wir uns mit allen anderen Mitreisenden und gehen was Essen. Fünf Stunden Aufenthalt sind nicht gerade angenehm, aber geben Zeit für intensive Vorbereitung, Besprechung der eigenen Ziele und Wettkampftaktik - Vollgas von Anfang an. Am späten Nachmittag landen wir in Port Elizabeth - der ganze Flieger war fast ausschließlich mit Triathleten ausgebucht. Wir haben uns noch gefragt, wie das wohl funktioniert mit dem ganzen Gepäck und den vielen Fahrrädern. Unsere Fahrräder kamen mit, das Gepäck leider nicht. Als erfahrener Reisender habe ich immer einen Satz Wechselkleidung im Handgepäck - so schlau waren nicht alle. Im Fahrradkoffer ist zum Glück auch alles relevante Gepäck für den Wettkampf, sodass auch eine längere Verzögerung der Nachlieferung nicht dramatisch für mich wäre. Das Ganze wäre natürlich für die South African Airways absehbar gewesen, denn ein Fahrrad muss man vorher anmelden. Aber das ist halt doch Afrika hier und nicht Europa. Auf Nachfrage wann denn unser Gepäck kommt und welche Ersatzansprüche wir haben bekommen wir die lapidare Antwort, es wird vielleicht heute Nacht eine Frachtmaschine eingesetzt oder es kommt mit der nächsten Maschine morgen Mittag und Ersatzansprüche haben wir gar keine solange es nicht länger als 24 Stunden dauert bis das Gepäck nachgeliefert wird. Auf einer auf die Schnelle erstellten handschriftlichen Liste müssen wir die Gepäcknummer, Telefonnummer und die Daten unserer Unterkunft angeben, dann werden wir angerufen oder die fehlenden Koffer dorthin geliefert. Nicht ganz perfekt und irgendwie auch nicht so 100 %ig zufriedenstellend. Im Zweifel prüfen wir die Ankunft der Maschine und fahren schnell direkt zum Flughafen, der nur 15 Minuten von unserem Bed & Breakfast entfernt ist. Wir übernehmen nach der kurzen Aufregung und Verzögerung den Leihwagen und fahren zur Unterkunft, wo uns um 17:00 Uhr die freundlich Besitzerin Nanette im 50 College Drive Bed & Breakfast herzlich empfängt. Wir checken ein, bringen schnell die Radkoffer und unser Handgepäck in die Zimmer und dann schickt sie uns noch schnell um 17:30 Uhr ins Einkaufszentrum um die Ecke, um das nötigste zu besorgen (Zahnbürste, Unterwäsche, Wechsel-T-Shirt, Bier, Wein, Wasser). Um 17:45 Uhr fangen kommen wir dort an und die ersten Geschäfte fangen bereits an zu schließen. Der Parkplatz sieht alles andere als vertrauenserweckend aus - dunkel, sehr schmutzig, die typischen ‚Parkplatzeinweiser‘ und wir sind weit und breit die einzigen Weißen. Jetzt schnell rein, schnell raus und wir haben alles Nötige bekommen. Um 20:00 Uhr müssen wir zur für alle Athleten verpflichtenden Wettkampfbesprechung - also noch gerade genug Zeit für eine Dusche, das Fahrrad auszupacken und wieder zu montieren. Ein weiterer Gast im B&B namens John zeigt uns den kürzesten Weg zur Wettkampfbesprechung und fährt voraus. Er ist gebürtig aus Port Elizabeth, vor über 20 Jahren nach Australien ausgewandert und jetzt auch zur WM hier. Wir werden mit den wichtigsten Informationen versorgt, trotz Linksverkehr in Südafrika findet das Rennen auf der rechten Fahrbahnseite statt und es wird links überholt, da so viele Europäer und Amerikaner dabei sind. Anschließend gehen wir um 22:00 Uhr noch alle gemeinsam in der Nähe des großen Zeltes in einem Lokal Burger essen. Um 0:30 Uhr sind wir zurück und fallen völlig erschöpft nach einem langen Reisetag ins Bett.

Drei Musketiere2

Freitag: Um 7:30 Uhr gemeinsames Frühstück - Nanette macht uns Obstsalat, Müsli und Rührei mit Speck. Um 9:00 Uhr offizielles Einschwimmen beim Schwimmstart. Es ist unglaublich voll und wir bekommen fast keinen Parkplatz. Aber toll organisiert, im Wasser sind viele Boote und Helfer und noch viel mehr Athleten. Wir quetschen uns in unsere Neoprenanzüge, denn bei 16° C Wassertemperatur gilt auch im Wettkampf Neo-Pflicht. Da haben die Athleten keine Wahl, die für mich sowieso nicht von Vorteil wäre, denn als schlechter Schwimmer profitiere ich vom Auftrieb durch den Neoprenanzug. Noch schnell ein gemeinsames Foto und dann fluten wir den Anzug - sprich man stürzt sich ins wirklich verdammt kalte Meer und lässt möglichst viel Wasser vom Hals aus in den Anzug bis es zu den Füßen wieder rausläuft. Der von innen offenporige Anzug saugt sich mit Wasser voll, dieses wird von der Körpertemperatur erhitzt und isoliert so. Am Anfang ist es also erstmal ziemlich kalt. Bei 16° C Wassertemperatur sind sogar Neoprensocken erlaubt, die ich nach meinen Erfahrungen in Finnland jetzt immer dabeihabe, aber für das Einschwimmen noch nicht verwenden kann, denn die sind im Koffer und der ist ja noch in Johannesburg. Das Meer ist zwar nicht ganz flach, aber der zusätzliche Auftrieb durch das Salzwasser macht das Schwimmen schon fast angenehm, trotz der Kälte. Vielleicht bin ich seit dem Wettkampf in Lahti einfach nicht verwöhnt und 16° C mit Sonne in Südafrika fühlen sich auch viel besser an, als 16° C mit Regen und starkem Wind in Finnland. Wir beschließen es trotzdem bei einer Runde (ca. 800 m) zu belassen und sind nach 15 Minuten schon wieder an der Süßwasserdusche um unsere Schwimmhaut und uns selbst vom Sand und Salzwasser zu reinigen. Hier stellen wir drei WM-Qualifikanten fest, dass wir ziemliche Anfänger sind, denn wir brauchen deutlich länger zum Ausziehen alles alle anderen hier. Das kann ja lustig werden am Sonntag.  Anschließend holen wir unsere Wettkampfunterlagen ab (d.h. auch Fingerabdrücke nehmen lassen, man wird fotografiert, bekommt Startnummern, Beutel und Zeiterfassungssystem-Chip) und erledigen die wichtigste Vorbereitungseinheit für Alex - einkaufen im Mechandise-Shop von Ironman. Da gibt es quasi alles was das Triathletenherz begehrt, mit dem Veranstalterlogo versehen versteht sich. Anschließend haben wir Hunger und beginnen unser Carbo-Loading mit Nudeln und Pizza. Am Nachmittag wollen wir die Radstrecke besichtigen, zur Hälfte mit dem Auto und zurück mit dem Rad. Genau hierfür brauchen wir unsere zwei Minivans, um alle aus dem Team und unser Material/die Fahrräder zu transportieren. Also nach dem Essen kurz in die Unterkunft, umziehen, Räder ins Auto packen und los geht’s. Da es um ca. 18:00 Uhr dunkel wird, müssen wir uns fast ein bisschen beeilen. Die Radstrecke führt vom Kings Beach aus bergauf hinaus aus Port Elizabeth und verläuft landschaftlich wunderschön entlang der zum Teil sehr wilden Küste am Indischen Ozean wieder zurück nach Port Elizabeth zum Hobie Beach. Die Strecke hat mit 750 hm mehr Höhenmeter als ich erwartete, ist jedoch eher für starke Radfahrer geeignet die mit Kraft richtig drücken können als für leichte und eher schwächliche Fahrer wie mich. Naja, und Wind gibt es auch - nicht ganz verwunderlich an der Küste. Die erste Hälfte lassen wir uns mit dem Auto fahren und genießen die Strecke. Noch scheint die Sonne und wir erwarten eine schöne spätnachmittägliche lockere Radeinheit - so locker es halt mit einer Zeitfahrmaschine geht. Wirklich gemütlich radeln ist damit eigentlich nicht möglich und unsere hochgezüchteten Sportlermuskeln und -herzen sind ja auch auf dem Höhepunkt der Leistungsfähigkeit. Und wer fährt mit einem Ferrari schon langsam? Wir drei Athleten steigen um 17:00 Uhr kurz nach dem Wendepunkt auf unsere Räder und genießen es mit relativ wenig Kraftaufwand dank Rückenwind nach Port Elizabeth zu fahren. Unsere Autofahrer Swen und Jürgen wollen zwischenzeitlich im angeblich besten Café Südafrikas noch unterwegs anhalten und einen Cappuccino genießen, während wir hier strampeln müssen. Naja, jeder wie er kann. Kaum sind wir einige Minuten unterwegs, spüren wir wie es kälter wird und Nebel vom Meer herein drückt. Bald ist es komplett diesig und richtig nebelig. Wir haben uns wohl doch zu viel Zeit gelassen mit den anderen Dingen. Die Sonne verschwindet hinter einer dichten Nebelwand und wir werden von einem argentinischen Triathleten verfolgt, der sich frech bei uns in den Windschatten hängt. Doch wir kommen zügig voran und da die Strecke bereits gekennzeichnet ist, verpassen wir auch keine Abzweigung. Der Rückweg erscheint mir weniger anstrengend zu sein, was mir im Hinblick auf das Laufen im Wettkampf sehr entgegenkommt. Vielleicht kann ich beim Radfahren ein paar Körner sparen und dafür endlich mal einen richtig guten Lauf hinlegen? Wir machen noch schnell ein Foto unterwegs (also der Argentinische Kollege macht es von uns) und rollen weiter im Nebel Richtung Port Elizabeth. Der Asphalt rollt hier nicht richtig gut, er ist rau und ich fahre in ein Schlagloch und hebe fast einen halben Meter ab. Die ständigen Fahrbahnunebenheiten fühlen sich an wie die Strecke vom legendären Radrennen Paris-Roubaix. Als wir kurz vor dem Ortseingang von Port Elizabeth unsere Autos und Betreuer wieder treffen, steigen wir ziemlich durchgeschüttelt von den Rädern. Wir beschließen es als Massage zu betrachten, obwohl wir eigentlich keine Sekunde während der ca. 40 km Strecke die Hände vom Lenker nehmen konnten um was zu trinken. Das kann im Wettkampf echt zur Belastung werden - sowohl von dem ständigen Schlagen und Ruckeln als auch von der Verpflegung. Wenn dann noch der Wind dreht, wird das eine echt harte Nummer. Um 19:00 h treffen wir uns zum Abendessen mit Chris Dels aus Bamberg, er will in der Altersklasse M30-34 den Weltmeistertitel erreichen und wird wie Alex und Stefan auch von Swen betreut. Der bewegt sich naturgemäß in anderen Dimensionen. Die Gespräche an solchen Abenden tendieren dazu recht einseitig zu werden und wir müssen uns bemühen, die mitgereisten Unterstützer nicht zu sehr mit Renntaktik und Berichten über ‚Heldentaten‘ aus vergangenen Zeiten zu langweilen.

DreiMusketiere 3

Samstag: Ein Tag vor dem Wettkampf heißt für uns locker bleiben, Füße hochlegen und keinen unnötigen Stress. Konkret: 8:00 Uhr Frühstück, 10:00 Uhr kurze 20-minütige Laufeinheit, 11:00 Uhr Zieleinlauf des Frauenrennens live ansehen, danach gegen 12:30 Uhr Mittagessen, 14:00 Uhr Beutel für die Wechselzonen packen, Rad überprüfen und fertigmachen, Startnummern auf Helm, Rad und Beuteln anbringen, 16:00 Uhr zu den Wechselzonen fahren und Beutel und Rad einchecken. Also doch wieder nicht so richtig ruhig. Der Check-in wäre beinahe knapp geworden, denn es ist zwar bis 18:00 Uhr geöffnet, aber aufgrund der gesperrten Straßen und des daraus resultierenden mittleren Verkehrschaos verlängert sich die Anfahrt und Parkplatzsuche von 15 auf 45 Minuten. Und die Wege zwischen und in den Wechselzonen sind lang. Kurz vor halb sechs sind wir erst beim Rad Check-in und hätten da beinahe noch eine Disqualifikation schon vor dem Rennen bekommen. Wir sind doch tatsächlich ein paar hundert Meter ohne Helm mit dem Rad gefahren - ein Wettkampfrichter hat uns gesehen. Das ist nicht erlaubt, aber er belässt es bei einer mündlichen Verwarnung. Alles hier ist absolut professionell organisiert und es wird nicht nur kontrolliert, ob die Startnummern überall drauf sind und übereinstimmen mit der Startnummer am Athleten-Armband, sondern auch jedes Fahrrad fotografiert. So will man Diebstahl, Verwechslung und Manipulation vermeiden. Danach müssen wir noch in die zweite Wechselzone, um die Beutel mit den Laufsachen anzubringen. Mir fällt auf, dass meine Startnummer immer in einer anderen Reihe zu finden ist - der Radbeutel in Reihe D, das Rad in Reihe E und der Laufbeutel in Reihe C. Hoffentlich kann ich mir das merken und verschwende keine wertvolle Zeit mit der Suche meiner Sachen. Wechsel habe ich nicht trainiert und mir fehlt mit drei Wettkämpfen einfach die nötige Routine. Kurz vor sechs sind wir fertig und können endlich zur zweitwichtigsten Sachen übergehen - Essen. Hier haben wir irgendwie unterschätzt, dass die ganzen anderen Teilnehmer die gleiche Idee haben könnten und schlauer waren als wir: die haben reserviert. Nach mehreren vergeblichen Versuchen in einem Lokal in der Nähe des Start-/Zielbereiches einen Platz zu bekommen, beschließen wir heim zu fahren und geraten in ein ähnliches Verkehrschaos wie schon am Nachmittag. Bei jedem brauchbar aussehend Lokal halten wir an und bekommen jedes mal die gleiche Antwort: keine Chance, alles reserviert. Beim letzten klappt es endlich, es wird gerade ein größerer Tisch frei und wir dürfen bleiben. Zum zweiten Mal an diesem Tag gibt es für uns Spaghetti Bolognese und für mich zur Beruhigung und zum abpuffern freier Radikale ein Glas Rotwein. Swen hat uns schon mal unsere möglichen Ziel- und Zwischenzeiten ausgerechnet und stößt damit nicht nur auf Begeisterung. Um 22:30 h kommen wir heim und gehen ins Bett - der Wecker klingelt morgen um kurz nach 4:00 Uhr in der Früh.

Sonntag: Ich hasse frühes Aufstehen. Ehrlich. Ich finde es unmenschlich vor 6:00 Uhr aufstehen zu müssen, was an meinem niedrigen Blutdruck liegen könnte. Schon deswegen werde ich kein ‚jedes Wochenende Wettkampf-Athlet‘ werden. Aber diesmal muss es sein und ich freue mich schon fast ein bisschen vor dem Wecker aufzuwachen - dass ich ihn mit Genuss ausmachen kann. Zähneputzen und dann gleich unter die Dusche, das ist das einzige was mich einigermaßen wachmacht. Zum Frühstück treffen wir uns um 4:30 Uhr, unsere Herbergsmutter hat uns Tost bereitgestellt und wir dürfen uns Kaffee selber machen. Sie wollte aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen nicht um vier aufstehen um uns Frühstück zu machen. Abfahrt ist um kurz nach fünf Uhr geplant, damit wir keinen Stress haben, noch mal die Räder aufpumpen und uns in Ruhe vorbereiten und aufwärmen können. Ehrlich gesagt wollten wir einfach auch einen Parkplatz in der Nähe von Start/Ziel bekommen. Es fängt an leicht zu regnen, als wir ins Auto steigen. Die übliche Frage von Swen, ob wir auch alles dabeihaben, beantworten wir pflichtgemäß mit Ja. Ich habe meine Sachen in den Rucksack gepackt, damit ich nicht die Beutel rumtragen muss. War nicht die beste Idee des heutigen Tages, wie sich etwas später herausstellen sollte. Vor der Wechselzone müssen wir uns wieder als Athleten ausweisen und dürfen noch mal zu den Fahrrädern. Es sind schon etliche Teilnehmer hier und prüfen noch mal Schaltung, pumpen Räder auf und bringen Radcomputer an - und irgendwie denke ich mir schon die ganze Zeit, dass ich irgendwas vergessen habe. Beim Aufpumpen meiner Reifen fällte es mir ein, als ein anderer Athlet mit angezogenem Neoprenanzug an mir vorbeiläuft: mein Beutel mit dem Neo, der Schwimmbrille und der Bademütze liegt noch auf dem Schreibtisch in meinem Zimmer. Nur den Beutel mit der trockenen Wechselkleidung für danach habe ich eingepackt. Ich prüfe hektisch, ob das stimmt und finde tatsächlich den Beutel mit den Schwimmsachen nicht in meinem Rucksack. Und ich bin auch noch derjenige von uns, der als erster um 7:38 Uhr direkt nach den Profis startet. Alex und Stefan sind erst zwei Stunden später dran. Schöne Scheiße. Jetzt bloß nicht hektisch werden. Ich rufe direkt Swen an, der nicht mit in die Wechselzone durfte, und berichte von meiner Dummheit. Er sagt sofort seine Hilfe zu, ich soll rauskommen, ihm meinen Zimmerschlüssel geben und er holt den liegengebliebenen Beutel. Um 6:05 Uhr rast er los, ich soll mich in der Zwischenzeit normal warm machen und nicht nervös werden. Wie auch immer ich das machen soll?! Das war’s mit einem entspannten Start in den wichtigsten Wettkampf der Saison. Und ich bin schuld. Jetzt wird mir klar, was für ein unglaublicher Triathlon-Anfänger ich bin und muss mir natürlich von allen Mitreisenden komische Blicke gefallen lassen. Das schlimme ist, die haben verdammt recht damit. Ich könnte mich selber in den Hintern beißen. Dabei dachte ich immer, ich wäre gut organisiert. Hier wurden mir wieder mal meine Grenzen aufgezeigt. Aber jetzt heißt es trotzdem Programm abspielen, aufwärmen und hoffen, dass Swen rechtzeitig zurückkommt. Falls nicht, muss ich ohne Neo starten, was heute aufgrund der auf 19,1° C gestiegenen Wassertemperatur sogar erlaubt wäre. Und ohne Schwimmbrille. Und ohne Bademütze - das ist wiederum nicht erlaubt, denn damit wird man im Wasser als offizieller Starter erkannt. Aber um das Problem kümmere ich mich, sollte Swen es wirklich nicht schaffen. Das einzig positive ist jetzt, dass keiner versucht mich zu beruhigen oder auf mich einzureden. Alle wissen, dass es ich selbstkritisch genug bin und spüren wie unzufrieden ich mit mir selbst bin. Ob ich das Bennie überhaupt erzähle, weiß ich noch nicht. Ich laufe und springe am Parkplatz rum, mache mein Lauf-ABC-Programm und spüre wie meine Muskulatur langsam auf Betriebstemperatur kommt. Die latente Nervosität fällt zusehends von mir ab und ich beginne zu akzeptieren, dass ich im Zweifel die 1,9 km im Indischen Ozean ohne Neo und brustschwimmend hinter mich bringen muss. Auch das sollte ich in der maximal zulässigen Zeit von einer Stunde zehn Minuten schaffen. Es ist immer gut einen Plan B zu haben oder zumindest kurzfristig entwickeln zu können. Und da kommt auch Swen schon wieder. Keine Ahnung wie er das in knapp 35 Minuten geschafft hat, bei null Verkehr braucht man einfach schon fast 15 Minuten. Bei so viel Verkehr wie heute früh inklusive Parkplatz suchen ein paar Minuten mehr. Unglaublich der Typ, ich bin so froh wie selten zuvor ihn zu sehen. Jetzt können wir fast entspannt zum Schwimmstart schlendern, noch ist es eine Dreiviertelstunde bis zum Start der Profis um 7:30 Uhr. Nachdem ich den Neo angezogen habe, laufe ich mit Swen und Jürgen zum Schwimmstart, die Profis stehen zum Teil schon im Startbereich und machen sich warm. Es liegt eine Anspannung in der Luft, es knistert richtig. Ich springe schnell ins Meer, um den Neo zu fluten und ein paar Schwimmzüge zu machen. Es ist deutlich wärmer als noch am Freitag, was mir sehr entgegen kommt. Dafür fängt es an leicht zu regnen. Langsam füllt sich der Startbereich und der Moderator stellt die Profis namentlich vor. Wir Hobby-Athleten starten immer zehn gleichzeitig im Abstand von 10 Sekunden. Aufgrund meiner legendären Schwimmleistungen reihe ich mich ganz hinten bei 38+ Minuten ein, sonst werde ich nur überschwommen und das ist für mein Ego gar nicht gut. Wenigstens muss ich mich nicht von Frauen brustschwimmend überholen lassen wie in Erlangen vor einem Jahr - das Frauenrennen war ja bereits gestern. Der Startschuss für die Profis wird von einem lauten Herzschlag eingeläutet und das sorgt zusammen mit dem besonderen rotblauen Licht der aufgehenden Sonne über dem Meer und dem Nieselregen für echte Gänsehaut-Stimmung. Und dann geht es Schlag auf Schlag und ehe ich mich versehe stehe ich ganz vorne. Jetzt geht es also los, nach der Aufregung von heute früh durchdringt mich eine wohlige Mischung aus An- und Entspannung.  Ich renne mit den anderen beim obligatorischen GO ins Meer.  Ab einer Wassertiefe von knapp über Kniehoch stürze ich mich ins Schwimmen. Ich finde gut in meinen Rhythmus und versuche kontrolliert aber zügig zu schwimmen. Das Wasser ist fast klar, es sind kaum Wellen. Die anderen Athleten aus meiner Startwelle sind alle auf meinem Niveau, nur zwei kann ich überholen. Die erste Boje kommt zügig näher und damit habe ich die ersten 800m geschafft. In etwa 5-8m Tiefe sehe ich Taucher an den Bojen - Wettkampfrichter, die überwachen, dass keiner abkürzt. Die 300m bis zur nächsten Boje vergehen noch schneller, ich fühle mich sicher und ziemlich im ‚flow‘. Gestern hat unser Mitbewohner John erklärt, dass man bei Ostwind fischen geht und bei Westwind surfen und schwimmen - da ist das Wasser warm und klar. Also haben wir wohl Westwind, dies werde ich auf der Radstrecke noch verifizieren. Die nächste Boje lasse ich links von mir, schwimme zügig dran vorbei und bin schon auf dem Rückweg. Der Strand kommt näher und ich kann schon den Bogen über der Zeiterfassung sehen. Bis zu einer Wassertiefe von knapp 50 cm schwimme ich, dann versuche ich schnell in Richtung Wechselzone zu laufen und gleichzeitig den Neo von Oberkörper und Armen zu streifen, so schnell es halt geht im Sand und ungeübt wie ich bin. Bei 35:44 überquere ich die Zeiterfassung. - Bennie wird stolz sein, dass sich die Freiwasser-Trainingseinheiten doch gelohnt haben. Nach der Zeiterfassung stehen Helfer bereit, die uns beim Neo ausziehen helfen sollen - und das machen sie auch mit vollem Einsatz, sprich sie werfen uns rücklings auf eine Gummimatte und zerren uns zu zweit ab der Hüfte den Neo im Liegen vom Leib. So schnell ging das bei mir noch nie und ich bin schnell wieder auf den Beinen. Noch husch durch das Wasserbecken laufen, um den Sand von den Füßen zu bekommen und Wechselbeutel schnappen. Es regnete immer noch leicht aber die Sachen im Beutel sind zum Glück noch trocken. Helm auf, Schuhe an, ein Gel in die Rückentasche des Einteilers und schon schnappe ich mir mein Rad. Bei einer 750 m langen Wechselzone verliert man trotz Neo-Ausziehern wertvolle Minuten. Die Radstrecke führt erstmal 16 km bergauf hinaus aus Port Elizabeth, vorbei an einem Township und dann auf einer landschaftlich unglaublich schönen Strecke fast 40 km gerade aus leicht wellig die Seaview Road weiter auf der Maitland Road bis zum Wendepunkt an der Thunzi Bush Lodge. Dann geht es zügig zurück, zumindest erwarte ich das, denn jetzt müsste ich Rückwind haben, wenn die Theorie von John stimmen sollte. Bis km 65 läuft es irgendwie nicht so richtig bei mir, sollte ich Rückenwind haben, spüre ich nichts davon. Außerdem muss ich pinkeln, da ich mich strickt ans Swen’s Vorgabe gehalten habe bei jeder Verpflegungsstation zu trinken. Bei circa km 70 muss ich anhalten und das ganze Iso-Zeug loswerden. Ab jetzt kann ich auch wieder mit etwas mehr Druck fahren, ich passiere den Humewood Golf Platz, wo uns Swen und Jürgen am Freitag wieder eingesammelt haben und weiß, dass es jetzt nur noch ca. 2 km ins Ziel sind. Die ersten Läufer kommen mir auf der anderen Straßenseite entgegen und ich freue mich schon auf ‚meine‘ Disziplin bei diesem Wettkampf. In der Wechselzone 2 wird uns komfortablerweise das Rad abgenommen und wir können direkt die Beutel mit den Laufschuhen schnappen. Ich ziehe meine Socken an, obwohl Bennie meinte ich soll mir die Zeit sparen und barfuß laufen. Mit Socken fühle ich mich wohl und die verlorenen Sekunden hole ich bestimmt durch ein gewohntes Laufgefühl wieder rein. So zumindest mein Plan. Wie das mit Plänen so ist, versuche ich die natürlich zu erreichen und laufe flott an, das geht gut, aber nur bis zum ersten Wendepunkt der Pendelstrecke, wo es bergauf geht. Hier versucht zwar ein Moderator Stimmung zu machen und die vielen Helfer reichen uns Getränke und Energiegels, aber irgendwie will das bei mir nicht so richtig ankommen. Da quäle mich also mit schweren Schritten den kleinen Hügel hoch und kann trotz meines Schneckentempos ein paar andere Läufer einholen. Das gelang mir auf der Radstrecke so gut wie nicht. Bergab sehe ich Chris Dels und kurz danach auch Lasse Ibert aus Roth. Chris scheint die zweite Luft bekommen zu haben und stürmt flotten Schrittes voran. Vor zwei Wochen sind wir noch gemeinsam Bergintervalle am Schneeberg gefahren, da habe ich seine Qualitäten schon gesehen, aber dass er so schnell läuft - Respekt. Ich laufe weiter so schnell ich kann, was heute nicht so schnell ist wie gewünscht. Auch auf der Laufstrecke nehme ich an jeder Verpflegungsstation was zum Trinken und meine zwei Gels die noch habe, quetsche ich mir auch rein. Ich habe das Gefühl, wenn ich noch eines mehr nehmen muss, rebelliert mein Magen. Sonst bin ich nicht so empfindlich, aber die Sache mit den Gels findet mein Verdauungstrakt nur bis zu einem gewissen Maß in Ordnung. Außerdem muss ich schon wieder pinkeln und bei km 7 bin ich mir sicher, dass ich es nicht mehr bis ins Ziel schaffe und steuere eine der Toiletten an. Erleichtert kann ich nochmal etwas Gas geben und versuche ins Ziel zu fliegen, denn die Uhr läuft erbarmungslos und wenn ich es auch theoretisch unter 5 Stunden sollte, auf 3 km kann noch einiges passieren. Also vernünftig, konzentriert und auf keinen Fall zu viel wollen, aber eben ziemlich zügig laufen. Vor der Zielgeraden muss man nochmal komplett die Wechselzone 2 umrunden - quälend lange Meter auf denen ich noch zwei Athleten überhole und dann wird es auch schon laut. Viele Zuschauer erwarten uns mit Riesenjubel und der Moderator begrüßt jeden Finisher namentlich. Es ist eine unglaubliche Stimmung und ein sehr erhabenes Gefühl bei einer Weltmeisterschaft ins Ziel einzulaufen. Bennie hatte recht, es ist was besonderes und das Niveau ist deutlich höher als bei normalen Wettkämpfen. Mit einer Zeit von 4:57:30 Stunden habe ich mein Minimalziel von unter 5 Stunden erreicht. Hoffentlich reicht es auch noch für das zweite Ziel - schneller als Alex. Das dritte Ziel war, neue persönliche Bestzeit, was beim zweiten 70.3 Ironman nicht so schwer sein sollte, da Finnland alles andere als optimal gelaufen ist. Auch das habe ich geschafft. Die Medaille ist unglaublich groß und schwer - angemessen für uns WM‘ler. Dazu bekommen wir noch ein Handtuch und einen Verpflegungsgutschein - für Burger. Den hole ich jetzt direkt. Noch nie hat mir ein so schlechter Burger so gut geschmeckt. Nach all den süßen Energiegels, Isogetränken und Cola eine salzige Wohltat. Danach suche ich meine Mitgereisten Supporter die meinen Rucksack mit der trockenen Wechselkleidung haben. Blöderweise haben wir keinen Treffpunkt ausgemacht und so muss ich Jürgen, Kathrin und Niko irgendwie an der Laufstrecke finden, wo ich sie zuletzt gesehen habe. Zum Glück kann ich mir das Handtuch umhängen, sonst würde ich ziemlich sicher erfrieren. Es fängt wieder zu nieseln an und wird langsam es wird ziemlich schwül. Die Bedingungen werden nicht leichter für Alex und Stefan, die ja fast zwei Stunden nach mir gestartet sind. Endlich finde ich unsere Reisebegleiter und kann mich umziehen. Dachte ich. Kathrin fehlt, sie ist zum Auto gelaufen um meinen Rucksack zu holen. Langsam bin ich ziemlich durchgefroren - aber die Profis gehen nach der Belastung ja auch ins Eiswasserbad, vielleicht hilft der kalte Regen ja genauso zur schnelleren Regeneration. Swen ist auch irgendwie verschollen, er ist in seinem eigenen Rennmodus und sagt all seinen Athleten auf der Strecke die Platzierung und Zeiten durch. Manchmal muss er auch laut werden, wenn wir uns wieder mal nicht genug anstrengen. Nach gefühlten Stunden (etwa 10 Minuten) kommt Kathrin endlich. Umgezogen wird mir auch schnell wieder warm und ich kann die anderen Athleten anfeuern. Alex und Stefan sind schon einmal an uns vorbei und Alex ist auf knapp unter 5 Stunden Kurs. Das kann eng werden zwischen uns beiden. Jürgen erzählt, dass Alex eine fünfminütige Zeitstrafe beim Radfahren für Windschattenfahren bekommen hat (völlig unberechtigt wie er findet). Das relativiert meine Leistung etwas, aber noch ist er nicht im Ziel, er kann mich theoretisch noch schlagen. Stefan sieht noch relativ frisch aus. Das könnten heute bei uns lauter Bestzeiten werden. Auf der zweiten Runde machen wir den beiden nochmal ‚richtig Feuer unter dem Hintern‘ und feuern an was geht. Dann gehen wir Richtung Zieleinlauf. Bei mir ist es eher humpeln, denn Schmerzen in meiner Achillessehne machen mir ziemlich zu schaffen. Alex kommt ins Ziel und es sieht aus, als wollte er noch einen Schlussspurt hinlegen, aber so richtig schnell ist er nicht mehr. Dafür unter 5 Stunden - in 4:59:39 Stunden. Das war knapp. Eine viertel Stunde später kommt auch schon Stefan und finisht in 5:14:55 und hat damit auch sein Ziel erreicht.

Als wir uns alle treffen und die Fahrräder und Wechselbeutel abgeholt haben fängt es wieder an zu regnen - diesmal aber richtig. Das Wasser läuft in kleinen Sturzbächen die Treppen runter und die Straßen stehen binnen Minuten komplett unter Wasser. Jetzt könnte man auf der Beach Road schwimmen. Swen eilt zum Auto vor und kommt uns entgegengefahren. Zurück in unserer Unterkunft gehen wir heiß duschen, nur das kann uns noch vor einer Erkältung retten. Alle sind zufrieden und leicht angeschlagen, denn für ein Schläfchen blieb keine Zeit - Koffer packen, Neo waschen, alle Klamotten zum Trocknen aufhängen - bei dieser Luftfeuchtigkeit nahezu sinnlos. Und dann noch das Rad zerlegen und in den Radkoffer verpacken. Zum Glück haben uns Swen und Jürgen ein paar Bier übrig gelassen - damit geht alles viel leichter.  Abends gehen wir auf Empfehlung von John in eine ‚Micro-Brewery‘ wir er es nennt - ein echt cooler Laden mit einer eigenen kleinen Brauerei. Verschiedene hausgebraute Biere werden zu Burgern, Steaks und Salaten angeboten. Wir genießen in vollen Zügen und versuche unsere verbrauchten Kalorien wieder zuzuführen, was bei über 4.000 kCal gar nicht so leicht ist. Am nächsten Morgen ist Abreisestimmung - Alex und Kathrin brechen um 8:00 Uhr zu einer Safari auf, ich muss um 11:00 Uhr los zum Flughafen während Swen und Jürgen noch einen Tag entspannen können und Stefan und Niko noch bis Mittwoch bleiben. Ein wahnsinnig kurzweiliger Trip nach Afrika geht zu Ende und ist bin Stolz und glücklich, dass ich die 70.3 WM 2018 miterleben durfte und träume schon von der nächsten WM 2019 in Nizza. Aber dafür muss man sich erstmal qualifizieren ...

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